Willst Du Recht haben, oder glücklich sein?

Konflikte am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Partnerschaft lassen sich nicht vermeiden. Sie sind auch nicht generell schlecht, zeigen sie uns doch, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und wir können lernen in Konfliktsituationen respektvoll und wertschätzend miteinander umzugehen.

Können Sie sich vorstellen, dass die Beteiligten eines Nachbarschaftkonfliktes sich nach deren Beilegung als Gewinner sehen? Es war ein jahrelanger heftiger Streit, der die Parteien schon gesundheitlich belastete, schon über zwei Generationen ging, eine Partei sogar schon an Hausverkauf und Umzug denken ließ. Dass zwei Ehepartner, die sich gerade in der Trennungsphase befinden, die von starken Verletzungen geprägt ist, sich wieder wertschätzend begegnen können und die gemeinsamen Kindern weitestgehend aus ihrem Konflikt heraus halten können, und diese auch nicht mehr als Druckmittel missbraucht werden? Dass nach kurzer Zeit bei beiden Partnern erneut sogar zarte Pflänzchen des Vertrauens und der Verlässlichkeit wachsen können? Dass sich zwei Firmenchefs nach einem Konflikt, bei dem es um richtig viel Geld ging, sich abends an der Hotelbar versöhnlich und zufrieden austauschen? Zuvor war die Lage schon so verfahren, dass die Hausbank den Beteiligten dringend eine Mediation nahe gelegt hatten.

Ich durfte diese Situationen erleben und zu deren Klärung beitragen. Das kann am besten gelingen, wenn die Beteiligten wenigstens für einen kurzen Moment die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass es nicht um Recht und Unrecht, oder um richtig oder falsch geht. Wenn sie sich hingegen vorstellen können, dass es um Bedürfnisse und deren Erfüllung auf beiden Seiten geht. Die Mediation ist kein Allheilmittel bei Konflikten, aber sie ist schon sehr nahe dran und die beste Möglichkeit, die ich kenne und mir zur Verfügung steht. Ist sie doch auch ein anerkanntes und bewährtes Mittel im Konfliktmanagement mit klaren Strukturen, Regeln und Vereinbarungen. Sie ist kein legeres unverbindliches Gespräch, sondern endet vielmehr nach Absprache mit einer Vereinbarung, die von den Beteiligten unterschrieben wird und somit auch im weiteren verbindlich ist.

Im Gegensatz aber zu Gerichtsverhandlungen, bei denen stets ein Schuldiger gesucht wird und es somit Gewinner und Verlierer gibt, suchen wir in einer Mediation nicht nach Schuldigen. Warum auch? Wir wollen ja keinen bestrafen, Mediatoren sind keine Richter, sondern Übersetzer, Bedürfnisforscher und Lösungsfinder. Wir vertrauen hingegen unbedingt auf ein positives Menschenbild. Als Mediator wissen wir um die innerste Bereitschaft und Sehnsucht eines jeden Menschen in Frieden zu leben und zur Bereicherung anderer beizutragen, davon bin ich zutiefst überzeugt. Und dieses Wissen und diese Fähigkeiten haben auch schon unsere Kinder. Es gibt Schulen, in denen 10jährige darin unterrichtet wurden, gegenseitig bei Streitigkeiten zu vermitteln und dies auch erfolgreich anwenden.

Es kann etwa dauern bis die Bedürfnisse auf beiden Seiten herausgefunden sind, bis sich die Konfliktparteien gegenseitig hören und verstehen können. Doch wenn das geschafft ist, dann sind die Lösungen schon sehr nahe. Dann passiert ein magischer Moment, der mich stets aufs neue tief berührt und fasziniert. Die Beteiligten drehen sich plötzlich zueinander, vorher sprachen sie meistens durch und über mich, sehen nun ihr Gegenüber mit anderen Augen. Sie sehen nicht mehr den Kontrahenten, den Widersacher, sondern sie erkennen plötzlich einen Menschen, der auch Gefühle und Bedürfnisse hat – genauso wie sie, ganz oft sogar die gleichen!

Und dann entstehen aus dem Raum Lösungen, die vorher völlig unvorstellbar waren, auch für mich als Mediator. Lösungen sind neue, wertschätzende Strategien zu beiderseitiger Bedürfniserfüllung, die immer schon da sind, sie wollen nur gefunden werden. Dies sind dann echte Win-Win Lösungen, keine Kompromisse, die dann sehr verlässlich und von langer Dauer sind.

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Dauer: 6:52 min
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