Reden ist Gold.

Es gibt ein Sprichwort, das Sie sicher alle kennen: ‚Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.‘ Ich meine: Stimmt, und stimmt nicht. Es gibt sicherlich Situationen, in denen Schweigen, der bessere Weg ist. Und genauso gibt es auch viele Momente im Zusammenleben, da ist es so wichtig zu reden. Partnerschaften, Freundschaften, Beziehungen funktionieren nur über den Austausch. Und Austausch funktioniert zum allergrößten Teil über die Kommunikation. Nur wenn ich kommuniziere gehe ich in Verbindung mit anderen und diese Verbindung lässt mich spüren, dass ich am Leben bin. Vor einiger Zeit las ich einen Bericht von einem Mann über die Erfahrungen in seinem Retreat. Das ist eine freiwillige Zurückziehung, eine Art der Meditation. In diesem Retreat befand er sich über Wochen in einem engen und dunklen Raum. Gleich zu Anfang hatte er lange Zeit eine sehr starke Erfahrung von Todesangst, weil er keinen Kontakt zur Außenwelt hatte, keine Möglichkeit zu kommunizieren. Der Austausch mit anderen Menschen funktioniert wie ein Spiegel, er zeigt mir, dass ich gesehen werde, dass es mich gibt. Da unsere Augen nur nach außen sehen können, brauchen wir diese Rückkopplung, diese Reaktion der anderen. Wenn ich einen Stein in einen See werfe, und es entstehen keine Wellen, dann ist er leer, dann ist da auch kein See.

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einer Bekannten. Ich fragte sie, wie es ihr denn so ginge. Ihre Antwort war: „Mein Partner liebt mich nicht mehr! – Ich sehe, dass Du sehr traurig und auch enttäuscht bist, ist das so? – Ja, und ich bin auch verzweifelt. – Aber woher weißt Du, dass er Dich nicht mehr liebt, hat er Dir das gesagt? – Nein, das braucht er nicht, eine Frau spürt so etwas.“ Womöglich ein Irrtum, eine fatale Fehleinschätzung, an der schon Beziehungen gescheitert sind. Ich fühle, dass etwas nicht stimmt, ich spüre, dass er mich nicht mehr liebt. Das sind keine Gefühle, sondern Interpretationen von Beobachtungen, die ich gemacht habe. Diese Interpretationen erzeugen in uns Gefühle, angenehme Interpretation – angenehme Gefühle und natürlich umgekehrt. Und dann sagen wir uns: Das ist so, das spüre ich. Wir erheben unsere Interpretationen zu unumstößlichen Tatsachen. Richtigerweise müssten wir aber sagen: Ich interpretiere die eben erlebte Situation, ohne zu wissen, ob es sich auch wirklich so verhält. Diesen Prozess haben wir so stark verinnerlicht, dass er ganz schnell und unbemerkt erfolgt. Wir sollten ihn aber unbedingt hinterfragen, denn die Trefferquote der Interpretationen ist äußerst gering und sie verhindert definitiv eine wertschätzende Verbindung zu unseren Mitmenschen.

Also fragte ich meine Bekannte: „Was ist passiert, dass Dich das spüren lässt? – Wenn wir spazieren gehen, dann möchte er nicht mehr meine Hand halten. – Für Dich ist also Handhalten ein Zeichen von Liebe und Zuneigung? Weiß das Dein Partner? – Klar, das weiß doch jeder. – Hast Du ihm gesagt: Lieber Partner, wenn wir Hand in Hand spazieren gehen, dann spüre ich Dich. Dann entstehen in mir starke Gefühle der Verbundenheit, dann weiß ich, dass Du mich liebst. – Nein, das habe ich ihm nicht gesagt. – Woher soll er es dann wissen, wie er zu Deiner Bereicherung beitragen kann?“

Es kann sehr gut sein, dass es sich für den Partner genau entgegengesetzt verhält. Vielleicht ist es für ihn ein Zeichen von Liebe, wenn seine Partnerin ihm die Freiheit lässt, ihn nicht festhält. Wir wissen es nicht. Wir können es nur erfahren, indem wir nachfragen. Indem wir von uns reden, erklären was uns wichtig ist, wenn wir unseren PartnerIn bitten bei unserer Bedürfniserfüllung mitzuwirken. Unsere Bedürfnisse sind die inneren Menschenrechte, es ist unsere Verantwortung gut für sie zu sorgen.

Diesen Artikel gibt es auch als kostenlosen Podcast:
Dauer: 6:25 min
Download: Hier können Sie sich die mp3 Datei runterladen.
Tipp: Rechter Mausklick -> Ziel speichern unter

Dieser Beitrag wurde unter Konfliktalltag, Kostenloser Podcast abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.