Justitia ohne Schwert

Es tut sich etwas in Deutschland – die Streitkultur verändert sich. Die öffentlichen Schlichtungsverhandlungen zu Stuttgart 21 Ende letzten Jahres, hatten viele von uns interessiert und in den Bann gezogen. Schlichtungsverfahren gab es auch früher schon, sie wurden aber regelmäßig hinter verschlossenen Türen abgehalten. Nach Wochen der Verhandlungen wurde dann feierlich der Schlichterspruch präsentiert. Mehr bekamen wir als interessierte Beobachter meist nicht mit. Die hohen Einschaltquoten im Dezember 2010 zeigten jedoch, dass in der Bevölkerung ein Interesse daran besteht, wie Konflikte auch ohne Gerichte gelöst werden können. Bei den Live-Übertragungen im Fernsehen konnten wir sehen, wie die konträren Parteien engagiert ihre jeweiligen Standpunkte, Fakten, Analysen und Planungen darlegten.

Dabei ging es hoch her, da viele Emotionen, sicher auch durch die Vorfälle der vorangegangen Demonstrationen, geweckt wurden. Wir konnten auch sehen, dass erwachsene Menschen, rhetorisch und politisch ohne Zweifel bestens geschult sowie unbestrittene Fachleute auf beiden Seiten nicht fähig waren, eine Einigung zu finden. Wie konnten Sie auch? Sie waren und sind Fachleute auf Ihrem Gebiet, aber nicht auf dem Gebiet der Konfliktlösung. Dazu braucht es einen neutralen, allparteilichen und kompetenten Dritten, der in das Geschehen nicht involviert ist, denn nur so kann er einen kühlen Kopf und den Überblick bewahren. Das sollte uns allen doch Mut machen. Nun können wir uns getrost eingestehen, dass wir unseren Konflikt mit dem Partner, mit den Familienangehörigen, mit der Nachbarin, mit unserem Chef oder mit der Kollegin nicht ohne fremde Hilfe lösen brauchen. Oft meinen die Betroffenen, sie könnten Ihre Konflikte allein lösen, da sie sich am besten mit Ihrem Fall auskennen würden. Meiner Meinung nach gelingt das nur ganz selten, da jeder Kontrahent so sehr mit seiner Geschichte verstrickt ist, dass ihm ein wertfreier Blick auf den Gegenüber gar nicht gelingen kann. Auch der beste Zahnarzt kann sich nicht selbst behandeln.

Die Bundesregierung hat am 12.01.2011 ein Gesetz zur Förderung der Mediation beschlossen. In einer Pressemitteilung wird Bundesjustizministerin Frau Leutheusser-Schnarrenberger mit den Worten zitiert: „…Die Mediation hat im Vergleich zu Gerichtsverfahren vor allen Dingen einen Vorteil: Einen Verlierer gibt es nicht. Eine Lösung ist nur möglich, wenn beide Streitparteien damit einverstanden sind. Die Bürger erhalten erstmals ein gesetzlich geregeltes Mittel, ihre Streitfälle selbst in die Hand zu nehmen und sie eigenverantwortlich zu entscheiden. Der Staat gibt den gesetzlichen Rahmen für die Mediation erstmals vor… Jeder zweite in Deutschland ist für diese Form der Streitbeilegung aufgeschlossen, wie eine Umfrage zeigt…Um den Bürgern die Vertraulichkeit des Mediationsverfahrens zu gewährleisten, sind die Mediatoren zu Verschwiegenheit verpflichtet und haben ein weit gehendes Zeugnisverweigerungsrecht…“

Gerade wenn bei Konflikten Beziehungen betroffen sind, die wir erhalten möchten, auf die wir weiterhin angewiesen sind, ist aus meiner Sicht eine gerichtliche Auseinandersetzung gänzlich ungeeignet. Ein Rechtsstreit verhängt Urteile auf der Sachebene. Wir Mediatoren arbeiten vorwiegend an einer Verbesserung der Beziehungsebene, denn die Qualität der Beziehungseben entscheidet darüber, was auf der Lösungsebene möglich ist. Ein Rechtsstreit durchtrennt die Beziehungen, eine Mediation verbessert sie. Ich empfehle Ihnen die Konfliktenergie nicht zum Streiten zu nutzen, sondern für gemeinsame Lösungen. Reden Sie erst miteinander, streiten können sie dann immer noch.

Dieser Beitrag wurde unter Mediation abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.