Empathie – Das größte Geschenk

Was ist das größte Geschenk, das ich einem Menschen zuteil werden lassen kann?

Es ist nichts materielles, jeder Mensch kann es einem anderen Menschen zu jeder Zeit schenken, es kostest uns nichts, wir müssen nichts geben. Und doch ist es so selten, so selten, dass wir alle danach dürsten. Es gibt Situationen, in denen wir uns nach ehrlicher Anteilnahme sehnen, die frei ist von Vorwürfen ist, frei von Bewertungen, frei von Mitleid, frei von Ratschlägen.

Wir sehen uns nach Mitgefühl, nach Empathie, die viel mehr ist als Sympathie. Wir fragen nicht was war, oder was sein wird, sondern wir fragen: ‚Was ist jetzt in Dir lebendig, was fühlst Du? Was brauchst Du?‘ Empathie ist kein intellektuelles Verstehen, und wir dürfen sie auch nicht mit Sympathie verwechseln. Mit Sätzen ‚Ja, das kenne ich, ich hatte mal eine Bekannte…‘ oder ‚Mach Dir keine Sorgen das wird schon wieder, Zeit heilt alle Wunden.‘ nutzen wir das Mittel der Sympathie. Während eines Seminars hatte ich ein empathisches Rollengespräch mit einer Leiterin eines Kindergartens und einer gestressten Mutter. Die Leiterin wollte wissen, wie sie möglichst konfliktfrei immer wieder auftauchende Situationen meistern könne. Das Gespräch verlief sehr einfühlend und wertschätzend, alle konnten daraus lernen, bis zu dem Zeitpunkt an dem ich sagte: ‚Ja, das kann ich gut verstehen.‘ Der empathische Faden war gerissen und alle hatten es sofort gemerkt, das erfuhr ich im folgenden Feedback. Was passiert war, ist leicht zu erklären. Sobald wir das Wort ‚Ich‘ verwenden, befinden wir uns wieder in unserer Welt, dem Gegenüber ganz fern.

Empathie heißt aber nicht, dass wir dem anderen zustimmen, oder seine Meinung teilen. Wir wollen wirklich verstehen, was den anderen bewegt so zu handeln: Eines Morgens weigerte sich mein Sohn wieder einmal seine Winterjacke anzuziehen, obwohl es draußen Minusgrade hatte. Ich war nicht seiner Meinung. Nun gab es für mich zwei Möglichkeiten: Ich konnte ihn wiederholt mit Mitteln, die uns beiden nicht gefielen, dazu bringen die Jacke anzuziehen. Doch diesmal wollte ich es anders machen. Ich entschied mich also nach seinen Gefühlen und Bedürfnissen zu fragen: ‚Bist Du gerade wütend, weil Du gerne selbst entscheiden möchtest, was Du anziehst?‘ Ich hatte Glück, lag richtig und er bejahte. Dann erklärte ich ihm, dass mir seine Gesundheit wichtig sei und dass ich keine Lust hätte, nachts aufzustehen, weil er krank und mit Husten im Bett liegt, nur weil er seine Jacke nicht anzieht. Wir einigten uns darauf, dass er die Jacke mit nimmt und sie dann anzieht, wenn ihn friert. Seit dem Tag an gab es keinen nennenswerten Konflikt mehr zu diesem Thema. Sein ‚Nein‘ war damals in dieser Situation die einzige Strategie, die er zur Verfügung hatte, um sich sein Bedürfnis nach Autonomie zu erfüllen, mittlerweile kennt er andere Strategien, die uns beiden besser gefallen 😉

Martin Buber schreibt, dass Empathie das größte Geschenk ist, das wir einem Menschen zu teil werden lassen können. Wir bewerten den anderen nicht, wir werfen ihm nichts vor, wir diagnostizieren ihn nicht, wir urteilen nicht über ihn. Ich muss nichts tun, ihm keine Lösungen anbieten, keine Ratschläge erteilen, keine Wege anbieten. Wie kann ich z.B. mit einem Menschen reden, der so krank ist, dass er bald sterben wird? Ohne die Empathie bin ich unsicher, ich weiß nicht, was ich sagen kann, ich bin rat- und hilflos. Ich kann keine Sympathie anbieten, ich bin sprachlos, oder rede nur bedeutungsloses, das macht den Kranken noch einsamer. Mit der Empathie bin ich genauso rat- und hilflos, aber ich kann ihn nach seinen Gefühlen und Bedürfnissen fragen: ‚Bist Du tieftraurig weil Du schon bald all die lieben Menschen um Dich herum verlassen wirst? Macht es Dir Angst, weil Du nicht weißt, wie sich der Tod anfühlt, was nach dem Tod auf Dich zukommt?‘
Es ist wahrlich das größte Geschenk einen Menschen auf seinem letzten Weg mit Präsenz und ungeteilter Aufmerksamkeit einige Schritte begleiten zu können.

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