Ein Indianer kennt keinen Schmerz.

Eines Morgens bin ich gut gelaunt aufgewacht und lief mit einem Liedchen auf den Lippen durch das Haus. Dann hörte ich den Satz: ‚Der Vogel, der morgens singt, den frisst abends die Katze.‘ Sofort verstummte ich, obwohl mit klar war, dass ich kein Vogel bin, aber die dahinterstehende Botschaft verstand ich sofort. Es war also gefährlich, morgens gut gelaunt zu sein, da ich ja nicht wissen kann, was noch alles den lieben langen Tag passieren wird. Oder schlimmer noch, durch meine lauthalse Fröhlichkeit, lockte ich das Schicksal in der Form einer mich fressen wollenden Katze direkt an. Ich sende somit die Botschaft aus: Hier bin ich klein und dumm, friss mich.

Und somit war mein erster Glaubenssatz geboren und der saß und war tief verankert! Es ist mittlerweile schon viele, viele Jahre her, ich war damals ein kleiner Junge und hörte den Satz von meiner Oma. Rückblickend betrachtet hatte sie ihn wahrscheinlich nur ein-, zweimal zu mir gesagt, aber in meiner Wahrnehmung war es so, als ob sie ihn jedesmal zu mir sagte, wenn ich morgens fröhlich sein wollte. Ich hatte verstanden, dass es dumm und gefährlich war, so gut gelaunt den ungewissen Tag zu begrüßen. Heute weiß ich natürlich, dass es genau richtig war, eine kindliche Intelligenz sozusagen, ziehen wir doch die Umstände an, durch unsere Art, wie wir in die Welt sehen.

Es war jetzt nicht so, dass ich danach niemals mehr morgens ein Liedchen pfiff, aber der Satz saß tief und ich erinnerte mich wenigstens jedesmal an ihn, bis heute. Und heute viele Jahre später weiß ich auch, warum sie ihn sagte. Sie wurde im Krieg aus ihrer geliebten Heimat von Haus und Hof vertrieben. In der Zeit konnte sie wirklich nicht den Tag vor dem Abend loben, konnte sie doch nicht wissen, ob sie den Abend überhaupt noch erleben würde. Es war halt ihre Art von sich zu erzählen, ihre Art mich auf die Gefahren des Lebens hinzuweisen. Dafür bin ich ihr heute dankbar.

Einen weiteren Glaubenssatz, den ich lange Zeit glaubte, hörte ich von meiner Mutter. Wenn zu uns Besuch kam, dann versteckte ich mich aus Spaß, oder ich hatte einfach keine Lust, die Gäste zu begrüßen. Um dies zu entschuldigen und auch um mich zu schützen, nicht als schlecht erzogener Bengel da zu stehen, sagte sie, ich sei schüchtern. Auch ihn sagte sie bestimmt nur wenige Male, aber diese Sätze haben etwas Fatales. Da diese von Autoritätspersonen kommen, von Personen, die wir ehren, achten und lieben und wir sie ganz unvermittelt und schutzlos hören, glauben wir sie und nehmen sie lange Zeit als wahr und richtig an.‘Wenn meine Eltern das sagen, dann wird es schon stimmen, schließlich kennen sie das Leben und mich.‘ Ich dachte wirklich über viele Jahre, dass ich schüchtern sei. Heute, da ich Seminare gebe und Vorträge halte, lässt es mich jedesmal schmunzeln, wenn ich an meine vermeintliche Schüchternheit denke.

Sicher kennen Sie auch solche Glaubensätze: Ein Indianer kennt keinen Schmerz – Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben – Geld verdirbt den Charakter – Träume sind Schäume – Schuster, bleib bei Deinen Leisten – Ohne Fleiß, kein Preis – Hochmut kommt vor dem Fall – Wer hoch hinaus will, kann tief fallen. Das sind so ein paar der bekanntesten Glaubenssätze. Wenn wir nicht sorgsam mit ihnen umgehen, dann haben sie ein Potenzial, das uns von unserer wahren Natur und Schönheit entfernt. Wir kreieren uns ein gefühlsarmes, ängstliches, bescheidenes und entbehrungsreiches Leben. Denn unsere Wünsche werden wahr so, oder so. In meiner nächsten Kolumne in drei Wochen möchte ich einige diese Glaubenssätze genauer betrachten, was haben sie Gutes, welche Bedürfnisse stecken dahinter, wie können wir sie für uns positiv nutzen.

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