Der innere Wolf

Wenn ich morgens aufwache, dann ist er auch schon wach – mein innerer Wolf. So als ob er auf mich gewartet hätte. Dann begrüßt er mich mit einem: Du musst aufstehen, Du musst Frühstück vorbereiten, Du musst in die Arbeit. Na, der Tag geht ja wieder mal gut los. Ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn er mal länger schlafen würde, mein Wolf. Aber nein, im Gegenteil. Es gibt tatsächlich Tage, da sitzt er mir von morgens bis abends im Nacken. Du musst Geld verdienen, Du musst Deinen Chef und Deine Kollegen grüßen, Du musst nett, höflich und anständig sein. Er flüstert mir ununterbrochen zu, was ich zu tun habe.

Wenn ich dann nach so einem Wolfstag nach Hause komme, dann stehen die Chancen auf einen zufriedenen und glücklichen Tagesrückblick äußerst schlecht. Denn mein innerer Wolf redet mir ein, dass ich fremdbestimmt bin und keine eigenen Entscheidungen treffen kann. Und dann werde ich ärgerlich, manchmal wütend – ich rebelliere. Später, wenn ich merke, dass Rebellion sehr anstrengend ist und auch nicht zum Ziel führt, werde ich auch traurig und ich resigniere. Es lähmt mich und nimmt mir die Lebensfreude. Somit mutieren wir langsam aber sicher zu braven Lämmern, die von ihren inneren Wölfen bewacht werden. Wir werden dann zu gehorsamen Ja-Sagern, somit gut zu manipulieren – weit entfernt von Eigenverantwortung, von selbst bestimmten Entscheidungen, weit und breit keine freie selbst gewählte Lebensfreude und somit auch kein Vertrauen in die eigene Lebensführung.

Und wenn wir nun schon etwas älter sind und der Wolf grau, aber kein bisschen weise, wenn wir anderen Menschen begegnen, denen auch ihre alten, grauen Wölfe im Nacken sitzen, dann glauben wir doch tatsächlich, dass er Recht hat. Wir glauben, dass wir keine Wahl haben, dass wir äußeren Einflüssen ohne Mitbestimmung hilflos ausgeliefert sind. Kein Wunder bei der täglichen Gehirnwäsche! Wir hassen es keine Wahl zu haben – das Zimmer aufräumen, den Teller leer essen, Zähne putzen, Hausaufgaben machen, nervige Familienfeiern, Sonntags in die Kirche gehen, unseren 9to5 Job, jeden Tag für die Kinder kochen, Steuererklärung abgeben, die Eltern oder Schwiegereltern pflegen. Somit sinkt unsere gute Laune gegen Null und wir fragen uns: ‚Und wo bleibe ich?‘

Also lernen wir doch zu unterscheiden, zwischen ‚müssen‘ und ‚wollen‘. Denn ich weiß ja, dass mein Wölfchen nur einen Sprach-/Denkfehler hat. Somit habe ich einen Plan: Angenommen ich kann diesen Sprachfehler korrigieren, dann kann ich meine Chancen auf Selbständigkeit, auf freie Entscheidungen, auf bessere Tage wesentlich erhöhen. Ich lerne zu verstehen, dass ich mir stets durch all meine Handlungen Bedürfnisse erfülle. Wenn ich in die Arbeit gehe, sind es möglicherweise Zuverlässigkeit und finanzielle Sicherheit, wenn ich den Kindern Essen koche, Verantwortung und Versorgung, bei den Hausaufgaben können es Entwicklung und Unterstützung sein, wenn ich freundlich bin, ist mir Respekt wichtig und wenn ich meine Eltern pflege, liegen mir wohl Verbindung, Liebe und Ausgleich am Herzen.

Nun kennen wir unsere Bedürfnisse und können entscheiden, ob die gewählten Strategien, wie z.B. die Familienfeier, meine Bedürfnisse nach Freude, Kontakt, Verbindung und Zugehörigkeit erfüllen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann können wir uns überlegen, wie diese Erfüllung innerhalb der Familienfeier gelingen kann. Manchmal will es aber einfach nicht klappen, so sehr wir uns auch anstrengen. Dann dürfen wir uns auch entscheiden, das nächste Mal zu Hause zu bleiben. Wenn wir nämlich trotzdem hingehen, tun wir beiden Seiten Gewalt an. Den anderen, weil sie unsere miese Laune aushalten müssen, am meisten aber uns, weil wir gegen unsere Bedürfniserfüllung handeln.

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